Der Maselheimer Rathauschef Elmar Braun will einen Motopark bauen lassen - und fühlt sich ungerecht behandelt
MASELHEIM. Vor zwölf Jahren hat Elmar Braun als erster Grüner in Deutschland einen Rathaussessel bestiegen. Jetzt macht der 47-Jährige wieder Furore - als Befürworter einer Autorennstrecke in seiner Gemeinde.
Von Rüdiger Bäßler
Das übersichtliche Rathaus von Maselheim (Landkreis Biberach) ist Elmar Braun zu einer Trutzburg geworden. In der sitzt er und liest, was ihm seine Belagerer schicken: anonyme Schmähbriefe, knittrige Zettel voller unflätiger Beschimpfungen, E-Mails, in denen gehöhnt wird: "Ist Braun noch grün?"
Das alles, weil in der 4500-Seelen-Gemeinde ein besonderes Bebauungsplanverfahren in Gang gekommen ist. Es geht um die Bewilligung eines 32 Hektar großen "Motoparks Schwaben", der in einer teilausgebeuteten Kiesgrube nahe der Bundesstraße 30 gebaut werden soll. Der Kiesgrubenbesitzer ist verkaufswillig. Die Käufer sind bereit, zehn bis zwölf Millionen Euro auf dem steinigen Grund zu investieren. Geplant ist zum einen ein Kart-Rennkurs mit allem, was dazugehört: Fahrerlager, Boxengasse, Zuschauertribüne und großer Fahrhalle für nasskalte Tage. Daneben soll eine Teststrecke für Lastwagen und Busse entstehen, samt Kreisbahn und Gefällestrecke. Im Bauplan ist auch ein Hotel mit 60 bis 80 Betten plus physiotherapeutischem Bereich sowie ein Museums- und Tagungsgebäude eingezeichnet.
Die Mitglieder im Käuferkonsortium wollen derzeit noch anonym bleiben, es seien aber "große Firmen" darunter, verspricht Braun. Sie hätten mit Hilfe des Industrieverbands Steine und Erden eine ganze Reihe von Territorien sondiert und Maselheim als idealen Standort auserkoren. Angeblich spekulieren die Investoren auf eine baldige EU-Verordnung, die Busunternehmen und Speditionen Fahrsicherheitskurse vorschreibt.
30 bis 40 Arbeitsplätze sollen einmal in der alten Kiesgrube geschaffen werden, dazu noch einmal so viele Teilzeitstellen. Sogar für die Ansiedlung eines angrenzenden kleinen Gewerbegebiets, vornehmlich für Autoservice-Firmen, wäre nach Vorstellung des Bürgermeisters noch Platz.
Auch der Maselheimer Gemeinderat befürwortete das Bauvorhaben mehrheitlich - mit Ausnahme der beiden Grünenräte. Die wollten dem Rathauschef partout nicht folgen. Braun konterte Kritik zu Anfang noch damit, ein Bürgermeister müsse eigene Parteiinteressen hintenanstellen. Doch mittlerweile sieht er sich einem wahren Proteststurm gegenüber, der vor allem von einer Bürgerinitiative angefacht wird. Sie piesackt den Schultes mit allen Mitteln öffentlichen Protestes. Gewarnt wird vor Lärm, Gestank und anreisenden Scharen Bier trinkender Rennsportfanatiker. Braun wird in Leserbriefen als Renegat der Grünen gebrandmarkt.
"Die Bürgerinitiative hat die Lufthoheit über den Stammtischen", klagt der Bürgermeister. Wenn das so weitergehe, fürchtet er, werde "das Ding" scheitern, ohne dass alle Fakten diskutiert worden seien. Dabei achte gerade er auf ökologische Belange und die Befindlichkeiten der betroffenen Anwohner. Er hat ein Lärmgutachten in Auftrag gegeben, das noch nicht vorliegt. Er will sich dafür einsetzen, dass an katholischen Feiertagen in der Kiesgrube alles ruhig bleiben muss. Aber mit Argumenten käme er kaum noch durch.
Dazu erfährt er, wie sich andere Grüne von ihm distanzieren. Die Fraktion im Biberacher Kreistag, obschon gar nicht zuständig, hat gegen seinen Rennkurs gestimmt und wusste dabei auch Exkreistagsmitglied Oswald Metzger hinter sich. Sein Amtskollege aus dem benachbarten Warthausen, Cai-Ullrich Fark, auch ein Grüner, hat sich samt seinem Gemeinderat gegen den Motopark ausgesprochen. Der Landesvorstand der Südwestgrünen, dem Braun einst selbst angehört hat, zögert noch. Begeisterung erntet der Maselheimer Schultes in aber Stuttgart nicht.
Gegen ideologische Argumente, sagt Braun, komme er natürlich nicht an: "Bei den Grünen gibt es Leute, die sind der Meinung, Motorsport ist völliger Unsinn. Das muss man akzeptieren." Er selbst sieht das anders. Alte Fotos zeigen ihn als jungen Mann auf dem Hockenheimring, auf einem 250-er Rennmotorrad in einer Kurve liegend. Braun war passionierter Rennfahrer und besitzt bis heute mehrere Motorräder. Bisher hatte das nie jemanden gestört. Jetzt schon.
Da sitzt der Bürgermeister mit Ohrring, ringt die Hände und versichert, er sei immer noch der Alte. So viele "grüne Projekte" habe er seit 1991 schon durchgesetzt. Auf dem Rathaus arbeitet eine Fotovoltaikanlage. Das Dach des Feuerwehrhauses ist begrünt, der Feuerlöschteich als Biotop angelegt worden. "Da hat nie jemand drüber geschrieben."
Zugleich ist die Zahl der Handel- und Gewerbetreibenden in der bäuerlichen Gemeinde während eines Jahrzehnts weiter zurückgegangen. Handwerker machen dicht, Jugendliche ziehen weg. Der Gemeinde fließen jährlich gerade noch 200 000 bis 300 000 Euro Gewerbesteuer zu. Braun will sich nicht vorwerfen, seine Amtszeit als müßiger Verwalter des Mangels vertrödelt zu haben. Selbst, wenn ihn das bei der nächsten Wahl in dreieinhalb Jahren den Stuhl kosten sollte. "Ist das nicht das Problem unserer Gesellschaft und unserer Politik", fragt er, "dass jeder nur noch an seine Wiederwahl denkt?"
Aktualisiert: 10.10.2003, 05:03 Uhr
Mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung - Herr Bäßler